Rennberichte

Meine Rennberichte zu absolvierten Rennen, vollständiger Rennbericht


Granitland Xtreme

am 22.- 24.05.2015 in Kleinzell/AUT - 3. Platz

November 2014, Saisonabschluss in Pullman City. „In Österreich gibt es ein Etappenrennen, das klingt ganz interessant.“, offenbarte uns der sportliche Leiter. „Österreich? Alpentour-Trophy? Bike four pikes? Zillertal Challenge? Welches meinst du denn?“, niemand wusste, wovon Ulrich sprach. „Granitland Xtreme, keine Alpen sondern Mittelgebirge, günstiges Startgeld, 3 Etappen, Teamrennen.“

Die Planungen für dieses Rennen wurden zu diesem frühen Zeitpunkt noch auf Eis gelegt, doch der Termin stand ebenso wie das Vorhaben, daran teilzunehmen. Anfang Mai 2015, noch vier Wochen bis zum Start. Drei Teams wollten wir in den Mühlkreis nahe der deutschen Grenze entsenden, deren Zusammensetzung nahm nun Gestalt an. In der Mixed-Kategorie meldeten Sarah Reiners mit ihrem Liebsten Markus Steffens, die Herren-Wertung wird durch Team 1 Felix Fritzsch – Marvin Augustyniak und Team 2 mit Sven Pieper und eben mir gestellt.
Vom 22. bis 24. Mai findet das Rennen statt, am Vortag machten wir uns auf die weite Anreise in Richtung Oberösterreich. 700 km oder 8 Stunden später trafen wir in unserer Herberge in Rohrbach ein, die Zimmer wurden bezogen, die Startunterlagen in Kleinzell empfangen. „Wie sind denn die Streckenverhältnisse aktuell?“, fragte ich den Herrn bei der Nummernausgabe. „Morgen und Samstag wird lässig, aber der Sonntag wird schon heftig.“, bekam ich zur Kenntnis. Die Wetteraussichten waren zudem alles, aber nicht sonnig. Aus diesem Grunde beschaffte ich mir noch ordentliche Nässeschutzbekleidung, alles in der Hoffnung, dass ich sie dann gar nicht brauchen werde.
Zur Unterstützung der Teams gesellten sich Teamchef Olaf, unser österreichischer Mastersfahrer Klaus Reinisch, als Schrauber Marvin`s Kumpel Magnus Fischer und meine bessere Hälfte, Marielle. Mit deren Betreuung würden die kommenden Stunden auf dem Rad erträglicher, die Getränkeversorgung erleichtert und eventuelle Materialausfälle kompensiert. Klaus würde selbst am Sonntag beim Granitmarathon an den Start gehen, schließlich werden im Rahmen dessen die Staatsmeisterschaften der Alpenrepublik ausgetragen.
Die Planung der Verpflegungspunkte lief mit Hilfe des Höhenprofils und einer Landkarte, die Wahl der richtigen Rennkleidung verschoben wir auf den Renntag. Freitagmorgen kurz vor 6 begann unser Tag auf dem Bauernhof, Kaffee kochen, Tisch decken, Brötchen holen, Wetterbericht checken, Rennvorbereitungen finalisieren. Ergebnis: Ich fahre mit dem Rad zum Veranstaltungsort, die anderen Fahrer nehmen den Bus. In Kleinzell war schon tüchtiges Treiben zu beobachten, der Wettergott meinte es heute gut mit uns.

Die erste Etappe (110km/ 2.800hm):
9 Uhr ging`s los, alle den beiden favorisierten Teams hinterher. Texpa Simplon und das schweizer Team BIXS-Wheeler hatten schlagkräftige Männer entsandt, also ging es für uns unter normalen Umständen nur um den dritten Rang, aber was ist bei dieser Rennveranstaltung schon normal?! 110km sind lang, 110km im Mühlviertel noch länger. Bereits in der allerersten von vielen weiteren Rennstunden merkten wir sehr deutlich, dass Mountainbiking hier vor Ort anders interpretiert wird als in weiten Teilen des uns vertrauten deutschen Mittelgebirges. Technische, rutschige Abfahrten, steile Anstiege und Trails, Trails, Trails begeisterten von Beginn an, doch ermahnten gleichzeitig zu vorausschauendem Agieren, schließlich kennen wir keinen Meter der Strecke und das Rennen ist lang. Mit den schmierigen Abfahrten kamen wir RAPIRO`s sehr gut klar, doch auf Asphalt erwischte es uns bitterböse und nach kaum 45 Minuten Fahrzeit lagen wir geschlossen auf der Straße – nicht zu fassen. Der Streckenposten konnte es wahrscheinlich kaum glauben, zumindest unterdrückte er ein Lachen sehr professionell. Marvin entledigte sich hier von einem großen Stück seiner Hose, Sven`s Knöchel schwoll auf Größe eines Tischtennisballs an.

Die Fahrt ging anschließend zögerlich, bald aber wieder ambitioniert weiter. An vier Verpfegungsstationen reichten unsere Betreuer alles, was wir uns wünschten, das war unglaublich gut! Die Rennstrecke des ersten Tages war eine leicht gekürzte Variante der Großen Granitlandrunde, genauer gesagt in etwa die erste Hälfte dieser. Permanent ausgeschildert lädt sie das gesamte Jahr zum Befahren ein und Ortskenntnisse sind beim Finden der Schilder sicher nicht nachteilig. Zum ersten Mal verfuhren wir uns bei Kilometer 30 – eine Frau im nächsten Ort versuchte uns in Wort und Bild zu erklären, dass wir hier falsch sind und die Strecke woanders lang ging. Also fuhren wir zurück, doch den gepflegten Dialekt der netten Dame konnte keiner wirklich entziffern. „Wo hat sie hingezeigt?“, fragte ich, doch genau wusste das auch niemand. Aus der Ferne hörten wir Rufe, nach Absuchen des Horizonts erkannten wir ein Team oben auf dem Berg, also nix wie rauf da. Das ist wahrer Sportsgeist, den Team No. 7 da gezeigt hat, vielen herzlichen Dank, Männer!
Mit voller Kraft ging es nun weiter vorwärts, Sven und ich kamen hier wirklich gut voran und konnten uns sogar zeitweilig von Felix und Marvin absetzen. Welchen Rang im Gesamtklassement wir nach dem kurzen Abstecher innehatten – keine Ahnung. In den steilen Anstiegen gab Sven das Tempo vor, die Flachpassagen gehörten mir. Zusammen lief es wie geschmiert, bis zu dem Punkt, wo wir offensichtlich erneut Streckenschilder verfehlten und wiederum in der nächsten Ortschaft nach dem Kurs fragten. „Servus!“, der ältere Herr reagiert nicht. „Servus, wissen Sie wo die MTB Rennstrecke ist?“ Der Herr scheint mich zu ignorieren. „Probiere es mal mit ´Grüß Gott`“, bekam ich zu hören. Und Tatsache, ich fand sein Gehör. Wo die Strecke ist, wusste er zwar nicht, aber dafür kennt er vielleicht ein paar Ortschaften. Also überlegte ich intensiv, wie der Ort der dritten Verpflegungsstation hieß. „Kollerbach, wo ist Kollerbach?!“ „Kollerschlag meinen Sie, hier gibt es ein Kollerschlag. Kollerbach haben wir hier nicht. KOLLERSCHLAG!“, erwiderte er mir. „Ja. Ok. Und wo ist das?“ „Do hinauf!“, zeigte in Richtung Berg. War ja irgendwie klar, dass die Abfahrt, welche wir gerade mit Vollgas genommen hatten, nicht zur Strecke gehörte. Ein wenig unmotiviert traten wir drauf und erreichten etwas später KollerSCHLAG, den Ort unserer Begierde. Die Flaschen waren bis hierhin völlig leer, der Kopf gerade auch. Unsere lieben Betreuer trafen wir zum Glück noch rechtzeitig an, aufmunternde Worte gaben sie uns mit auf die noch verbliebenen gut 35 km.

Von da an lief es bei mir wieder wie geschmiert, motiviert und entschlossen drückten wir die Berge rauf und genossen die tollen Abfahrten und schönen Trails. Sven steckte nach und nach ein wenig zurück, seine bevorzugten Trainings- und Rennzeiten betragen sonst nur maximal 3 Stunden, da kommt irgendwann der Mann mit dem Hammer. Bis zur vierten Labestation in Julbach fuhr unser zweites Team uns davon, wir besonnen uns auf gezügeltes Tempo, es kommen schließlich noch zwei Tage, die wahrscheinlich nicht leichter werden. Nach deutlich über 5 Stunden trafen wir am Veranstaltungsort ein, empfangen wurden wir mit lautem Jubel, Musik und einem hervorragendem Ambiente in Sarleinsbach. Da dämmerte uns so langsam, was man hier von dieser Veranstaltung hält, nämlich scheint es für Organisationsteam, Helfer und Bevölkerung eine Herzensangelegenheit zu sein, den Rennsportlern unvergessliche Tage zu bescheren. Als Fünftplatzierte hatten wir nach ganz vorn schon gewaltig Rückstand, aber das war abzusehen. Das Team Kaiser hatte allerdings „nur“ gut 20 Minuten Vorsprung, den Sturz und das Verirren herausgerechnet – da könnte noch was gehen. Unser erstes Team mit Felix und Marvin kam eine Minute vor uns an, damit waren Sven und ich absolut zufrieden! Sarah und Markus platzierten sich in der Mixed-Kategorie auf dem hervorragenden 3. Rang, weiter so!

Cola, Bier, Kuchen und Obst bekamen wir zu allererst in die Hand gedrückt, ein Mikrofon unter die Nase gehalten und es wurde über die Eindrücke von der Strecke berichtet. Anschließend schaffte uns Olaf eilig in die Herberge, Dusche und Couch riefen schon laut. Mein ursprünglicher Plan, mit lockerem Tritt nach ´Rohrbach hinüberzurollen`, verwarf ich schon weit vor der Ziellinie, das Rennen ist hart genug.
Zum Glück konnten wir unsere Räder in die sorgfältigen Hände von Magnus legen, er kümmerte sich bis spät in den Abend mit Olaf`s Unterstützung um unsere Schlitten, das war ganz große Klasse – VIELEN DANK!

Wir Fahrer genossen derweil die Flatrate am Kühlschrank, die verlorenen Kohlenhydrate wollten schnell wieder nachgeladen werden. Unseren Blick lenkten wir aber natürlich auch auf die nächste Etappe, ein ähnliches Profil, ähnliche Länge und kaum Wetterbesserung machten allen Beteiligten rasch klar, dass wird wieder übel.

Die zweite Etappe (110km/2.700hm):
Nach einer unruhigen Nacht, ungewohntem Frühstück (Frischeiwaffeln randvoll mit Nutella) und nervösem Magen rollten die Busse zum Startort Sarleinsbach. Mit zahlreichen begeisternden Zuschauern wurden wir ins Gelände geschickt, aber irgendwie war es heute ein wenig anders als am Vortag. Die Führungsgruppe blieb lange Zeit ziemlich groß, sollte da etwa ein Waffenstillstand zwischen den beiden uns haushoch überlegenen Teams herrschen? Oder war das nur die Ruhe vor dem Sturm? Bis nach Hühnergeschrei (so hieß eine Ortschaft tatsächlich) passierte im Grunde nichts, danach machten sich die Texpa`s und BIXSler auf und davon, wir blieben mit unserem A-Team sowie den Lokalmatadoren Woisenschläger/Färberböck zusammen. Dass das Rennen dadurch aber ruhiger wurde, davon konnten zumindest Sven und ich nicht berichten, irgendwie ging heute mächtig die Post ab.

Die Topographie der heutigen Etappe glich in etwa der gestrigen, anfangs längere Anstiege hinten raus kurze Rampen, flache Abschnitte und schnelle Downhills. Mir persönlich gefiel der zweite Teil besser, Sven bevorzugt die langen, steilen Bergaufpassagen. Zusammen ergibt dies ein ziemlich gutes Duo, wie wir spätestens seit der ersten Etappe wissen.
Dadurch, dass Team Kaiser offensichtlich gestern sämtliche Patronen verschossen hat, sind wir mitten im Kampf um den dritten Rang im Gesamtklassement, wir müssten eben nur irgendwie und -wann die 20 Minuten Rückstand aufholen. Dies sahen Woisenschläger/Färberböck wohl ähnlich und ließen uns die Arbeit im Wind machen, was Felix und ich uns überwiegend teilten. Marvin verließen wie schon am Vortag zwischenzeitlich die Kräfte, dadurch fielen die Jungs ein wenig hinter uns zurück. Durch die veränderte Position machten die Ösis nun auch ordentlich Geschwindigkeit, als wir Felix/Marvin nicht mehr hinter uns sehen konnten, gesellten wir uns in die Führungsarbeit. Doch wie von Geisterhand kamen nach anderhalb Stunden die Beiden von hinten ran, was der Grund für die zwischenzeitlichen Auszeiten ist, ich habe keine Ahnung.
Die Entscheidung der Tagesetappe
Nun müsste also Plan B oder C aus der Tasche... Ich erinnerte mich noch gut an den Spruch vor ein/zwei Stunden, wo wir in österreichisch übermittelt bekamen, dass wir doch aufgrund unserer besseren Position in der Gesamtwertung die Arbeit machen müssen. Und noch immer fuhr ich im Wind, was mit meinen bis dato guten Beinen aber eher ein guter Trainingsreiz als Schmerz sein sollte. Nach einem ordentlichen Anstieg nahm ich Tempo raus, Felix und Marvin machten sich nach vorne und ohne es von unseren Begleitern zu bemerken verschwanden sie am Horizont. „So einfach hätte ich mir das gar nicht vorgestellt, muss ich mir merken.“, und fortan hieß es bei Sven und mir: Macht ihr mal, ihr wollt ja sicher noch Plätze gut machen :-D

Die nächste halbe Stunde nahmen wir die Beine hoch und genossen Windschatten, dann bat man uns wieder zur Mitarbeit, der wir gerne nachkamen. Dies taten wir so sehr, dass die Schaltgeräusche, das Schmatzen der Reifen im tiefen Schlamm und die Gespräche hinter uns rasch verstummten. „Komm Sven, noch 5km, dann kommt die Verpflegung, bis dahin haben wir denen das Genick gebrochen!“, motivierte ich ihn und mich, dass Sven aufgrund der bis hierher langen Fahrzeit selbst schon im Notbetrieb lief, ließ er sich aber nicht anmerken. Die 20km bis zur Zielort in Kleinzell wurden für Sven allerdings zur Belastungsprobe, der Wille und sein sportlicher Ehrgeiz hielten ihn an meinem Hinterrad. Dass er dennoch so sehr glücklich darüber war, als wir eine Pinkelpause einlegten, bekam ich mit „Pinkeln im Rennen ist geiler als Sex“ zur Kenntnis gebracht.

Mit gut 5 Stunden Fahrzeit erreichten wir das Tagesziel vollkommen durchnässt, Ella, Klaus und Olaf empfingen uns mit zahlreichen Zuschauern lautstark, so haben wir uns das gewünscht. Was für uns allerdings überraschend kam, war die Tatsache, dass die vormals Drittplatzierten von Kaiser`s das Handtuch warfen und wir somit auf den vierten Rang der Gesamtwertung vorrückten, sehr geil.
Ebenso geil waren unsere Erkenntnisse auf dem Rennkurs, alle Streckenposten standen stundenlang da draußen im Regen herum und klatschten, als wären wir die Führenden oder Bekannte von ihnen, unfassbar! So schnell wie wir ins Ziel einfuhren, so schnell saßen wir umgezogen im Auto und machten die Schwalbe in die Unterkunft, kalt war`s da draußen!
Der Abend verlief wie der Vorabend, nur mussten wir diesmal ein wenig umdisponieren. Der aktuell 3. und 4. Rang in der Herren-Wertung ist zwar nett, ebenso wie der hart erarbeitete 3. Platz unseres Mixed-Teams, allerdings hatte unser Klaus mit seinem Vorhaben, bei der österreichischen Meisterschaft ein gehöriges Wort bei der Medaillenvergabe mitreden zu wollen, oberste Priorität. Dass Klaus das Potenzial dazu besitzt, weiß wohl mittlerweile jeder. Vor Jahresfrist ereilte ihn ein doppelter Patschen, wie man in Österreich zu einem Platten sagt, der ihn hoffnungslos zurückfallen ließ. In diesem Jahr sollte es anders werden, die Strecke schien ihm wie maßgeschneidert, entsprechend optimistisch gingen wir ins Bett.

Die dritte Etappe (78km/2.500hm)
Wie gut, dass es seit gestern durchweg regnet, also schüttet. Dann kommt vielleicht ja doch noch meine Regenbekleidung zum Einsatz und wird nicht unbenutzt wieder nach Hause gebracht. Deutlich angespannter als am Vortag setzte ich mich ins Auto und ließ mich nach Kleinzell fahren. „Ich glaube, ich bin heute nervöser als Sven.“, sagte ich meiner Liebsten. „Nein Schatz, niemand ist nervöser als er. Aber du bist schon nah dran.“, sie könnte recht haben. Reges Treiben empfing uns am Startort, neben unserem Etappenrennen und den Staatsmeisterschaften wurde ein normales Marathonrennen ausgetragen, was zusätzlich eine Menge Fahrer ins Granitland brachte. Konzentriert bereiteten wir die Räder abschließend vor, fuhren uns ein und standen schon in der Startaufstellung. Klaus war da schon unterwegs, meine Gedanken galten ihm und ich hoffte so sehr, dass er den Hammer auspackt und der Konkurrenz übelste Schmerzen bereiten wird.

Mit großem Applaus ging es schließlich auch für uns scharf, die bislang guten Platzierungen wollten wir unbedingt verteidigen, entsprechend flott ging es ins Gelände. Selbst einem absoluten Regenfahrer (Wieso auch immer es solche Fahrer gibt) verschlug es bei der Einfahrt in die ersten Abfahrten, Trails und Anstiege die Sprache, so viel Schlamm auf einmal habe ich schon sehr lange nicht mehr gesehen. Schon hier ärgerte ich mich ein wenig über die Reifenwahl, der RaceKing auf der Hinterhand erzeugt im knöcheltiefen Schlamm keine Schaufelqualitäten. Für einen Wechsel war es zu spät, für Jammern noch zu früh. Das es heute wohl ein wenig länger dauern wird als die geschätzten 4 Stunden Fahrzeit, war schon nach zwei Abfahrten klar. Das es allerdings so schwer ist, hier hoch und runter zu fahren, damit haben wir nicht kalkuliert. Und mir fiel just in diesem Moment der mahnende Spruch vom Startunterlagenempfang ein, „...aber der Sonntag wird schon heftig.“ Und wie er recht hatte. Sven war heute in seinem Element, entweder ging es steil hoch oder eben runter, ich hingegen keulte von der ersten Minute an um in seinem Windschatten zu bleiben, der bei einer Statur wie bei einer Spinne gar nicht so üppig ist. Die ersten 16km waren rum, da fiel mir glatt ein Ei aus der Hose. Für diese lumpigen 16km haben wir gut eine Stunde gebraucht, ich wollte folglich gar nicht hochrechnen, wie lange es heute Schmerzen gibt.
Vor dem Rennen fragte ich noch ernsthaft, warum es so viele Verpflegungsstationen auf so wenig Kilometern gibt, nun wusste ich es – man fährt hier einfach ein wenig langsamer. Zwischendrin fragte ich mich immer wieder, wie geil diese Strecke wohl bei Trockenheit sein muss, ebenso kam mir immer wieder in den Sinn, wie man sich über Hitze im Rennen beschweren kann. So fuhren wir von Wasserloch zu Wasserloch, dazwischen gab es reichlich Schlamm in Form von umgewühlter Wiese oder Waldbodens. Voran ging es kaum, für unsere Mitfahrer aber auch nicht. Mit uns gesellte sich unser zweites RAPIRO-Team, sie mussten nur mit uns ins Ziel kommen und ihr dritter Rang im Klassement würde ihnen nicht mehr zu nehmen sein. Bis Kilometer 40 klappte dies gut, dann hörte ich Sven bei der Einfahrt in den Steinbruch „Alex, ich habe eine Platten!“. Vollbremsung, den Schaden begutachtet, ein ziemlich großes Loch auf der Lauffläche gefunden, Kartusche raus und feuerbereit gemacht, dabei wie der allererste Mensch angestellt, Luft reingepresst – hielt. Vorerst. Weiter ging es durch die tolle Location, aber leider nicht sehr lang. Gut einen Kilometer hielt der Reifen die Luft, dann war Ebbe im Pneu.
Wie der Zufall es will, strandeten wir unmittelbar vor einer laufenden Kamera, unzähligen Zuschauern – und keiner hatte ein fertiges Laufrad, Standpumpe und oder Schlauch am Start. Also mussten wir uns mit den vorhandenen Mitteln behelfen, dies dauert zwar ein bisschen länger, aber wir schafften es doch noch in akzeptabler Geschwindigkeit. Rekorde gebrochen wurden allerdings nicht, egal in welche Richtung. Kurz vor Abschluss der Arbeiten zog eine junge Frau meine Aufmerksamkeit auf sich. Nicht, dass ich mir andere Frauen anschauen würde, aber sie putzte gerade meine total verschmutzte Brille - „Sie schickt der Himmel!“, mehr fiel mir da nicht ein zu sagen, Herzlichen Dank!

Bevor wir wieder auf dem Rad saßen, entleerte Sven noch fix seine Blase, er scheint Gefallen am Pinkeln gefunden zu haben. Währenddessen passierte Team Ösi vom Vortag unsere Position, Sven unterrichtete ich nach ein paar Minuten Fahrt von dem Vorfall. „Ok, wo sind die? Machen wir es wie gestern?!“, wir pirschten uns aus dem Hinterhalt heran, rollten ein wenig mit und dann volle Kraft in den Schmodder-Ekel-Sausteil-IchhasseBerge-Anstieg hinein. Wo wir bei der ersten Befahrung noch einigermaßen gut hochfahren konnten, wurde nun längere Zeit geschoben. Doch Sven scheint ebenfalls nicht der schlechteste Läufer unter den Radfahrern zu sein, so entfernten wir uns zügig von den Kontrahenten. Nebenbei überholten wir unser A-Team Felix/Marvin, was der Grund für deren Boxenstopp war, konnten wir nicht ausmachen. Entschlossen und mit guter Moral ging es in die zweite Runde, ich hasste sie nun noch mehr als bei der Erstbefahrung. Sven übernahm nun für mich Denken und Danken (ich habe bis hierher versucht, mich bei jedem Streckenposten und Zuschauer zu bedanken, das übernahm nun Sven, ich konnte einfach nicht mehr), nahm mich an seinem Hinterrad auf und gab mir frühzeitig nahende Richtungswechsel bekannt. Dass sein Schuh bei einem Sturz kaputt ging und er sich nur noch mit Mühe in den Anstiegen im Schuh halten konnte, verdient meinen zusätzlichen Respekt, großer Kampfgeist, tolle Moral! Einfach vollkommen im Arsch schaute ich nur noch an sein Hinterrad, bloß nicht zu viel Abstand lassen, sonst kommen von hinter wieder die Jungs herangerast. Nach dreieinviertel Stunden fragte Sven erstmals vorsichtig, ob wir in einer halben Stunde im Ziel seien. „Wenn wir in 45 Minuten 24 Kilometer schaffen, ja.“ Er war nun ruhig und drosselte das Tempo, innerlich hat er sich bestimmt in den Hintern getreten, überhaupt diese Frage gestellt zu haben. Für mich gestaltete sich diese Distanz zur längsten der bisherigen Saison, die Kilometer vergingen so unglaublich zäh, die Anstiege wurden immer steiler, der Schlamm tiefer und cremiger. Aber wir erreichten dennoch das Ziel, und wie!!!

Total aus dem Häuschen kamen wir auf die Wiese zum Zielbogen, man erwartete uns schon eine Weile und empfing uns mit großem Beifall – welch Wohltat für die geschundene Seele, Alter, was war ich erledigt. Sven grinste sich einen und dachte bestimmt, dass er sich ordentlich für seine Qualen der Vortage revanchiert hatte. „Sven, du alter Sklaventreiber, geile Scheiße haben wir da fabriziert.“ und schon lagen wir uns in den Armen.
Scheinbar haben wir in den drei harten Tagen vieles richtig gemacht, Zurückhaltung an Tag 1, Teamtaktik und flottes Rennen zu Tag 2 und heute mit Köpfchen und Verstand überhaupt erstmal das Ziel erreicht und den 3. Rang in der Tageswertung sowie dem Abschlussklassement erreicht, das hätten selbst Sven und ich beim Frühstück nicht erwartet. Ausgelassen freuten wir uns über uns selbst, die tolle Veranstaltung, das beschissene Wetter, die Zuschauer, den Schlamm, dicke Knöchel, kaputte Schuhe – einfach alles! Wir kommen wieder, das ist sicher!

Leider erging es unserem Mixed und zweiten Herren-Team nicht sehr gut, beide schieden nach Sturz bzw. Defekt aus. Klaus hatte zum Glück seiner Konkurrenten ebenfalls einen Reifenschaden zu beheben, somit konnte er zwar als Dritter seiner Wertung das Ziel erreichen, sein persönliches Ziel verfehlte er damit jedoch, sehr schade!
Unser besonderer Dank geht an Ulrich, der diese Perle aus dem Rennkalender gezaubert hat und mit viel Durchsetzungsvermögen dafür sorgte, dass wir daran teilnehmen konnten. Unsere Betreuer Klaus, Magnus, Ella und vor allem Olaf haben alles entscheidenden Anteil daran, dass wir überhaupt in die Gelegenheit kamen, uns bei der Siegerehrung neben so namhafte Teams stellen zu dürfen, das werde ich euch nie vergessen und macht mich stolz, Teil des Focus RAPIRO Racing Teams zu sein. Und natürlich wäre ohne die Organisatoren, Unterstützer, Helfer, Zuschauer, Anwohner und Radsportbegeisterte solch ein hochklassiges Rennen unmöglich durchführbar, von dieser Einstellung kann man einiges Lernen und Übernehmen. Apropos Anwohner, einige legten ihre Wasserschläuche aus dem Garten auf die Straße, damit wir unsere Räder vom Schlamm befreien konnten! Was soll man dazu sagen, außer DANKE!

Zuguterletzt noch eine Weisheit aus meinem Repertoire: Extreme schweißen zusammen... So und so :-D

FOTOS: mlfoto.eu (5), Ella - das Leben einer Fahrerfrau (6)