Rennberichte

Meine Rennberichte zu absolvierten Rennen, vollständiger Rennbericht


Marathon Trophy #1

am 31.05.2015 in Erndtebrück - 1. Platz

Kaum Steigungen, wenig steil, Forstautobahn und ein bis zwei Trails. Ach ja, und eine Strecke, die mir und meinen Fähigkeiten nicht wirklich entsprach. Dies waren meine Erinnerungen an das letztjährige Rennen in Erndtebrück, scheinbar hatte die damalige Hitze mein Bewusstsein getrübt oder aber es ist allerhand passiert in dem Jahr der Vorbereitung der nächsten Auflage.

Viel Zeit in der Woche nach dem kräftezehrenden Etappenrennen in Österreich verbrachte ich mit meinem Rad, nicht jedoch beim Training, sondern bei der Nachbereitung sämtlicher Lagerungen, Federgabel und Verschleißteile. Vor dem Start der letzten Etappe beim Granitland Xtreme waren die Bremsbeläge noch jungfräulich, danach war von Belag nichts mehr zu sehen. Trainingsbelastungen fielen meinem körperlichen Zustand, beruflichen Verpflichtungen oder der Zeit zum Opfer, also war es die perfekte Ruhewoche. Und was macht der Radsportler in einer Ruhewoche? Er hofft, dass diese Horrorzeit schnell vorüber ist.
Zum Glück war der folgende Sonntag ein Renntag, frühzeitig ging es nach Erndtebrück, Entspannung vor dem Start ist besser als schon mit GA2-Puls anzureisen. Völlig gechillt empfing ich meine Startunterlagen, trank Kaffee, Schwätzchen hier und da, der Blick auf die Uhr – Kacke, ich muss mich noch umziehen, warmfahren, Flaschen in den Wald bringen, Rad fertigmachen, Blase entleeren, in die Startaufstellung, Rennen fahren. Und für das alles nur noch 35 Minuten, mal gucken was davon auf der Strecke bleiben wird.

Warmfahren. Und Pinkeln, zumindest bis in die Startaufstellung. Dann musste ich nochmal fix austreten, Startschuss – was ist denn hier los? Irgendwie hatte ich schon nach wenigen Minuten das Gefühl, heute ist irgendwas anders als im letzten Jahr. Die Form müsste heuer eigentlich besser sein als im letzten Jahr oder aber die Konkurrenz ist noch stärker geworden. Aber in Wirklichkeit sind wir eine völlig neue Strecke gefahren, was mir noch derbe zum Verhängnis werden sollte. In meinem Übermut fiel mein Blick auf eine Rennradkassette aus dem Trainingslager und da das Rad unter der Woche ohnehin in sämtliche Einzelteile zerlegt war, montierte ich eben diese. Wie eingangs erwähnt, ist ja alles flach und ein 28er Ritzel in Verbindung mit einem 28er Kettenblatt als kleinste Option würden schon ausreichend sein. ;-) Dafür könnte ich dann fein die Gänge abstufen, die anderen werden sich wundern…
Bis ich merkte, dass ich damit ziemlich danebenlag, vergingen der ein oder andere Anstieg und Trail. Doch spätestens als kurzzeitige Krämpfe, Bewusstseinsstörungen und Atembeschwerden auftraten, wusste ich – „Rebs, du hast doch nicht mehr alle Latten am Zaun.“ Da im Rennbetrieb bei mir scheinbar der Verstand auch nicht mehr auf der Höhe ist, versuchte ich dennoch an meiner Gruppe dranzubleiben, koste es was es wolle! Diese Gruppe bestand neben mir aus Florian Gaul (EGF Bunstruth), Günther Reitz (Firebike) und meinem Teamkollegen und Partner der Granitland-Etappenfahrt, Sven Pieper. Um ehrlich zu sein, ich litt auf den ersten 30km wie noch nie in diesem Jahr, und das nicht nur wegen meines Fehlgriffs beim Antrieb. Gerade Florian und Sven brachten mir derartige Schmerzen, ich hasse euch dafür!

„Sag mal Sven, hast du heute Jagdwurst gegessen?“

Ich war zu dieser Zeit noch nicht mal in der Lage, im Flachen Führungsarbeit zu erledigen, ich hatte nur einen Gedanken im Kopf – DRANBLEIBEN!
Was ich dennoch hin und wieder wahrnahm, waren diese am Streckenrand aufgestellten Schilder. Und wenn man den Totenkopf gegen meinen Gesichtsausdruck und persönliches Empfinden zu diesem Zeitpunkt des Rennens ausgetauscht hätte, niemanden wäre aufgefallen, dass ich das bin. Gott sei Dank nahmen die Jungs dann mal eine Auszeit, wo ich zumindest zeitweise in den Genuss frischer Luft ganz vorne in der Gruppe kam. Diesem Umstand verdanke ich auch, dass ich mal das Tempo mitbestimmen durfte, also insgesamt ein wenig langsamer bitte, sonst sterbe ich heute. Ein weiterer Nachteil des „Hintendraufhängens“ ist, dass man jede Bodenwelle ungefiltert mitnimmt, ständig neu Antreten muss um wieder die Vorteile des Windschattenfahrens nutzen zu können und vor allem ziemlich nass wird. Ich hoffte nach den hinreichenden Schlammduschen der Vorwoche so sehr, heute trockenen Fußes das Ziel zu erreichen, doch spätestens in dem Trail nach dem Sendeturm, wo ich bis zum Knie im Wasserloch verschwand, war es auch mit dieser Wunschvorstellung vorbei.
Vorbei war es kurze Zeit später auch mit dem hohen Tempo in der Gruppe, der aus meiner Sicht Hauptverursacher Florian parkte sein Rad mit Reifenschaden am Streckenrand, somit konnten wir alle mal einen Zacken leichter schalten, was wohl niemanden wirklich störte. Die beiden Gesamtführenden, nämlich Mathias Frohn (Firebike) und Tobias Schmidtmann (EGF), werden wir so vor der Ziellinie zwar wohl nicht mehr wiedersehen, war mir in meiner gegenwärtigen Verfassung aber auch reichlich egal. Nach und nach konnte ich jedoch wieder an Schlagkraft gewinnen und das Tempo in unserer Renngemeinschaft so wählen, dass wir zumindest schnellstmöglich in Richtung Rundenteilung fahren, um dann den zweiten Teil der ersten 60km-Schleife erneut unter die Reifen zu nehmen.
Und ich kann es gar nicht oft genug sagen, ich war heilfroh, dass wir nicht den ersten Teil mit den enormen Steigungen fahren mussten, ich glaube ich hätte geschoben anstatt zu fahren. Sven kündigte verhalten schon mal an, dass er in absehbarer Zeit mal vom Rad steigen müsste, nicht nur um seiner neugewonnenen Leidenschaft für`s Wasserlassen im Rennen (O-Ton Sven vom Granitland-Xtreme: Pinkeln im Rennen ist geiler als Sex) nachzukommen, sondern sein Reifen verlor nach und nach an Luft, was sich als Riss in der Reifenflanke entpuppte.
Die Fahrt im Duett mit Günther währte für uns allerdings nur kurze Zeit, wir schafften es doch wirklich, den lange enteilten Tobias zu stellen und in unsere Mitte aufzunehmen. Und wie Tobi nunmal so ist, begnügte er sich weder mit Ausruhen noch Windschattenfahren, sondern machte weiter fleißig Dampf, so wird in der Bunstruth eben Rad gefahren :-). Günther versuchte an den Steilstücken des Kurses die Flucht nach vorn, doch entweder waren diese zu kurz um sich entscheidend abzusetzen oder Tobi und ich holten ihn wieder ein.
In der Schlussphase beschäftigte ich mich derweil mit dem Schätzen der verbleibenden Kilometer, Kopfrechnen war zwar nie meine Stärke, aber ich kam auf etwa 6 Kilometer, bis es in den Schlussanstieg zum Zielbogen hinauf ging. Führungsarbeit hatte ich nun bis hierhin genug erledigt, von hinten würde wahrscheinlich niemand aufschließen, also versuchte ich so gut es geht zu regenerieren und einen Plan zu schmieden, der mich als Erstes im Ziel ausspuckt. Unser Tempo war auf den Schlusskilometern derart hoch, ich kam mir vor wie in einem Straßenrennen, wo für mich der Sprint angefahren – muss ich nur noch den Turbo zünden.
Und mein Moment kam kurz VOR dem Schlussanstieg, ich feuerte aus allen Rohren – nur leider mit Platzpatronen. Noch bevor ich auch nur in die Nähe des Zielbogens kam, hatten Tobi und Günther mehrere hundert Meter Vorsprung. Ok, so viel nicht, aber ich war selten derart unterlegen. Was mir diese Niederlage im Schlussspurt erträglich machte war die Tatsache, dass ich mir völlig unverhofft den Sieg in der Seniorenwertung sichern konnte. Noch vor etwa drei Stunden zweifelte ich, überhaupt das Ziel erreichen zu können, schon gar nicht mit meiner Gruppe, nun war die Überraschung umso größer.

Den Tag perfekt machte unser Schrecken der Kurzdistanz Tim-Christopher Stahnke, der sich dort den Sieg sichern konnte. Und auf der Mitteldistanz gewann Seppel Mordmüller souverän vor Klaus Reinisch - was ein Rennen für unser Team!

Scheinbar unbeeindruckt gegenüber jeder (künstlich erzeugten und/oder erhaltenen) Debatte von ´Biker gegen Wanderer, Forst, Jagdpächter, Waldbesitzer oder Menschheit` zeigt sich hier, dass man offensichtlich alle Seiten bei der Streckengestaltung einbeziehen kann und dennoch einen Kurs kreiert, der das Biken so erlaubt, dass es wohl allen Spaß macht, jeder Fahrer gefordert ist, dabei aber niemanden überfordert und zur Nachahmung empfohlen werden kann. Von Forstweggeballer konnte keine Rede sein, jeder Trailmeter ist ein guter Meter, weiter so. Und die erheblich gestiegenen Teilnehmerzahlen sind der Lohn für die Bemühungen.

Nach einer feinen Siegerehrung mit Currywurst, Kaffee und Kuchen war der für mich schlimmste Tag des Jahres Geschichte, es war wunderbar, hart, schmerzhaft – so wie wir es brauchen. Ich komme wieder, mit der passenden Übersetzung!